Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen

                     Vorwort

Mit diesem Titel „Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen“ wird man heute sehr schnell in Verbindung gebracht  mit Verschwörungstheorien.
Eine Sichtweise die nicht mit der Realität übereinstimmt.Aber diese Überschrift stammt aus der Zeitung „DIE ZEIT“.
Man beachte in welchem Jahrzehnt dieses Artikel geschrieben wurde.
In einer Zeit da wurde dieses Thema in Deutschland   belächelt.Der Volksmund nennt es „Die goldenen 80er“.Eine „heile“ Welt die ihren Höhepunkt erreichte und genau Anfang dieses Jahrzehnt schrieb Günter Grass diesen Artikel.

Info:
Günter Wilhelm Grass,geboren 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr, Freie Stadt Danzig als Günter Wilhelm Graß; gestorben  13. April 2015 in Lübeck. War ein deutscher Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker. Grass gehörte seit 1957 zur Gruppe 47 und wurde mit seinem Debütroman Die Blechtrommel 1959 zu einem international geachteten Autor der deutschen Nachkriegsliteratur.

Günter Grass  verweist auf „hat begonnen“
Die Geschichte 80er,90er und ab 2000 hat gezeigt wohin es mit der Menschheit geht.

                      Hauptteil

Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen

3. Dezember 1982
Von Günter Grass

Unser Begriff von Fortschritt gefiel sich bisher in dieser Haltung und Pose; denn es ging ja auch immer irgendwie weiter.

Mein Dank spricht Zweifel aus in die hergebrachten Erwartungen. Unsere Gegenwart macht Zukunft fraglich, schließt sie in vielen Bereichen geradezu aus und produziert – da wir vor allem das Produzieren gelernt haben – den einzigen Zuwachs unserer Tage: Armut, Hunger, Verhungernde, verpestete Luft, vergiftete Gewässer, hier vom sauren Regen, dort vom Kahlschlag vernichtete Wälder und sich wie selbsttätig aufstockende Waffenarsenale, die der vielfachen Vernichtung der Menschheit fähig sind.

Rom, die Stadt, in der ich Dank zu sagen versuche, ist – neben ihrer gegenwärtigen und historischen Bedeutung – identisch geworden mit den Berichten des „Club of Rome“. Diese Berichte sind unsere nüchterne Offenbarung. Kein von den Göttern oder dem einen Gott verhängtes Strafgericht droht uns. Kein Johannes auf Patmos schreibt seine dunklen, den Untergang feiernden Bilder nieder. Kein Buch der „Sieben Siegel“ wird uns zum Orakel. Nein, sachlich und unserer Zeit gemäß schlagen zu Buche: Zahlenkolonnen, die den Hungertod bilanzieren, die Statistik der Verelendung, die ökologische Katastrophe zur Tabelle verkürzt, der ausgezählte Wahnsinn, die Apokalypse als Ergebnis eines Geschäftsberichtes. Strittig sind allenfalls noch die Stellen hinterm Komma, nicht mehr der unabweisbare Befund: Die Vernichtung der Menschheit durch die Menschen auf vielfältige Weise hat begonnen.

Indem ich annehme, daß mittlerweile auch den Wissenschaftlern die Zukunft als gesichertes Spielfeld weiterer Entwicklung, wenn nicht abhanden gekommen, so doch fraglich geworden ist, hoffe ich, im Namen aller Preisträger zu sprechen, wenn ich nun von meiner Arbeit als Schriftsteller in wenigen Anmerkungen Bericht gebe: die Literatur und mich selbst in Frage stelle.

Mehr noch als die anderen Künste hat die Literatur eine ihrer Voraussetzungen im gesicherten Anspruch auf ihr Vorfeld, die Zukunft, gesehen. Absolute Herrscher, theologische und ideologische Dogmen, die eine und die übernächste Diktatur konnten überlebt, die Zensur aufgehoben, das Wort wieder freigesetzt werden. Die Geschichte der Literatur, ist nebenbei auch eine Geschichte solcher Siege des Buches über den Zensor, des Dichters über den Potentaten. Mit anderen Worten: Die Literatur war sich einer Verbündeten immer gewiß, es mochte ihr noch so dreckig gehen, die Zukunft war auf ihrer Seite. Silone und Moravia, Brecht und Döblin überdauerten den Faschismus, wie Isaak Babel und Ossip Mandelstam den Stalinismus – obgleich sie an ihm zugrunde gingen – dennoch überlebten.

Sie, die Literatur, hatte immer den längeren Atem. Sie konnte auf Zeit setzen, ihrer Nachwirkung gewiß sein, selbst wenn sich das Echo auf Wort und Satz, Gedicht und These Jahrzehnte später erst und manchmal erst nach Jahrhunderten entfalten konnte. Dieser Vorsprung und Vorschuß auf Zeit machte die ärmsten Poeten reich. Ihnen, deren Zuwachsrate „Unsterblichkeit“ hieß, war selbst in widrigster Gegenwart nicht beizukommen; man mochte sie einkerkern, erschlagen oder ins Exil treiben, wie es bis in unsere Tage weltweit üblich ist, immer siegte am Ende das Buch und mit ihm das Wort.

So war es bis heute oder, genauer gesagt, bis gestern. Denn mit dem drohenden Verlust der Zukunft für die Menschheit ist auch die bisher gewisse „Unsterblichkeit“ der Literatur zum nur noch irrealen Anspruch verkommen. Schon wird vom Wegwerfgedicht gesprochen. Das Buch, diese Dauerware, beginnt der Einwegflasche zu gleichen. Bevor entschieden ist, ob wir noch Zukunft haben, wird schon mit Zukunft nicht mehr gerechnet. Die gleiche Hybris, die den Menschen befähigt, sich selbst zu vernichten, droht nun, bevor es Nacht werden könnte, den menschlichen Geist zu verdunkeln, seinen Traum vom besseren Morgen zu löschen und jede Utopie – also auch Ernst Blochs „Prinzip – Hoffnung“ – ins Läebenjene zu kehren.

Ein Blick auf die Machtverhältnisse in Politik und Wirtschaft zeigt an, daß – wider besseres Wissens – der Raubbau zunimmt, die Vergiftung der Lebenselemente schamlose Rechtfertigung findet und daß das Vernichtungspotential beider Großmächte (und ihrer Satelliten) schon längst jenseits der Wahnsinnsschwelle ins Unzählbare wuchert. Trotz aller Mahnrufe gelingt es keinem Gedanken, politische Gestalt zu gewinnen. Keine Kraft – bei so viel Kraftmeiern – ist bereit und fähig, den schon wirksamen und den bevorstehenden Katastrophen Einhalt zu gebieten. In sinnentleerter Geschäftigkeit .vertagt sich die Verantwortung aller, die Macht haben, von Konferenz zu Konferenz.

Ob es den Menschen gelingen kann, von sich abzusehen? Sind sie, die mit Vernunft begabten, gottähnlich schöpferischen, sich ihre Vernichtung immer totaler erfindenden Menschen auch fähig, nein zu sagen zu ihren Erfindungen? Sind sie bereit, Verzicht zu üben gegenüber dem Menschenmöglichen und bescheiden zu werden vor den Resten der zerstörten Natur? Und zuletzt gefragt: Wollen wir, was wir könnten: einander ernähren, bis der Hunger nur noch Legende, das böse Märchen „es war einmal“ ist?

Die Antworten auf diese Fragen sind überfällig. Auch ich kann nicht antworten. Doch in meiner Ratlosigkeit weiß ich dennoch, daß Zukunft nur wieder möglich sein wird, wenn wir Antwort finden und tun, was wir als Gäste auf diesem Erdball der Natur und uns schuldig sind, indem wir einander nicht mehr Angst machen, indem wir einander die Angst nehmen, indem wir uns abrüsten bis zur Nacktheit.

Quelle: http://www.zeit.de/1982/49/die-vernichtung-der-menschenheit-hat-begonnen

Veröffentlicht von Aufgewacht

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s